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Der große Wert der Naivität

Wer den wertvollen Kern erkennt, der in einer naiven Frage steckt, kann damit arbeiten. Kann eine Zukunft bauen, die viele, vielleicht die ganze Welt, überrascht und fasziniert, weil sie niemand für möglich gehalten hat.

THEMA
30. August 2019

Entrepreneur • Führung • Kreativität • Kulturwandel • Kundenzentrierung • Mobilität • Unternehmen • Vision • Zukunft

Soll die Sehnsucht auf der Strecke bleiben?

Naivität wird gerne belächelt. Weil sie häufig Dinge benennt, die sich scheinbar nicht verändern lassen. Und je häufiger diese Dinge benannt werden, umso schneller werden sie belächelt. Dabei sind die Forderungen nach dem scheinbar Unmöglichen von einer Sehnsucht getrieben, die vielen Menschen insgeheim aus dem Herzen spricht, die aber kaum jemand zu äußern wagt. Weil wir es ja besser wissen. Oder glauben, besser zu wissen.

Soll deshalb die Sehnsucht auf der Strecke bleiben? Ist es nicht die Sehnsucht, die uns zum Fortschritt treibt?

Kreativität braucht Naivität

Unser Wissen kann Dinge nur zur Hälfte lösen, für die andere Hälfte brauchen wir unsere Kreativität. Kreativität basiert auf den Sehnsüchten der Menschen, verbindet Dinge, die bisher nicht zusammengehörten, und schafft Lösungen, die niemand für möglich gehalten hat. Naivität ist daher für die Kreativität ungeheuer wichtig. Sie führt uns zu den Sehnsüchten, die im Fokus eines Konfliktes stehen. Wenn wir genau zuhören, offenbart uns Naivität wertvolle Qualitäten, aus denen wir lernen, schöpfen und letztendlich Konflikte lösen können. Sie zeigt uns, was wirklich im Fokus unserer Aufmerksamkeit stehen sollte, und auch, wie wir die ganz großen Fragen angehen könnten.

Vor 10 Jahren naiv, heute visionär

Vor über 10 Jahren stellten wir einem Studententeam in Barcelona die Frage, wie das automobile Interieur der Zukunft aussehen sollte, um sich in einer lebendigen Megacity wie Barcelona zu bewähren. Die Studenten nahmen das Thema begeistert auf und gingen in Teams an die Umsetzung. Fünf Teams aus Produkt-Designern, Interieur-Designern und Automobil-Designern mit internationaler Herkunft skizzierten und bauten ein halbes Jahr an ihren Entwürfen. Ihre fünf ganz unterschiedlichen Ergebnisse waren aus der gleichen Sehnsucht heraus geboren: Die fünf Interieurs zeigten „Oasen der Ruhe“.
Oasen, in denen man den Lärm und die Hektik der Stadt ausblenden kann. Oasen, in die man sich zurückzieht, und nur Menschen um sich hat, mit denen man sich auch gerne umgibt. Oasen, die ganz langsam dahin gleiten oder sich auch gar nicht bewegen, so dass man sich nicht mehr anschnallen muss, auf breiten Sitzflächen auch hinlümmeln oder sogar kurzzeitig schlafen kann. Oasen, in denen man auftanken kann, wo die Luft sauberer ist als außerhalb, wo die visuelle Überlastung draußen bleibt, wo es endlich ganz still ist und wo man in dem, was man sehen und hören will, nicht gestört wird.

„Wie naiv!“, sagten viele in der Automobilindustrie, denen ich von dem Projekt berichtete. Nachdenklich wurden die ersten, als sie zur finalen Präsentation nach Barcelona eingeladen wurden. „Großartig!“ dachten damals leider nur wenige. Sie dürften ihre Meinung inzwischen geändert haben.

Aber weil Naivität für viele keinen Wert darstellt, ist vor 10 Jahren keine der Oasen ernst genommen oder weiterverfolgt worden. Zu groß war die unerkannte geistige Größe, die in der Naivität liegt.

Wir könnten so viel weiter sein

Heute könnten die Antworten auf diese naive Forderung längst über unsere Straßen gleiten – hätte man sie nur ernst genommen. Stattdessen stehen wir genau an dem Punkt, der damals belächelt wurde: Was tun, wenn Autos autonom fahren? Was tun, wenn die lang verfolgte Aura der grenzenlosen Dynamik in einer energiebewussten Welt an Strahlkraft verliert? Was tun, wenn das Auto für nachwachsene Generationen massiv an Stellenwert und Bedeutung verliert?

Wäre die Naivität vor 10 Jahren verstanden worden, hätten wir heute automobile Produkte, die mehr bieten, als bequem von A nach B zu kommen. Wir hätten mobile Räume in unseren Städten, die nicht zu 95% herumstehen, sondern zu 100% nutzbar sind. Und eine ganze Branche hätte noch immer das hohe Ansehen, das ihr seit Generationen entgegengebracht wurde.

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